Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland – und mittendrin Leipzig und Markkleeberg als potenzielle Austragungsorte einer gemeinsamen Bewerbung mit Berlin. Die Diskussion um eine mögliche Ausrichtung bietet große Chancen, wirft aber auch viele Fragen auf: Welche Auswirkungen hätte ein solches Großereignis auf den Sport, die Infrastruktur und die nachhaltige Entwicklung unserer Region? Wie realistisch sind die Pläne? Und warum lohnt es sich, diesen Weg überhaupt zu gehen?
Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, haben wir mit drei Persönlichkeiten gesprochen, die den Bewerbungsprozess aus unterschiedlichen Perspektiven begleiten. Klaus-Ulrich Mau, LSB-Vizepräsident für Leistungssport, Leipzigs Sportbürgermeister Heiko Rosenthal und der mehrmalige Kanu-Welt- und Europameister Jan Benzien als Mitglied des Vereins „Gold for Leipzig“ geben Auskunft über ihre ganz persönliche Sicht auf die Olympiabewerbung.
Klaus-Ulrich Mau - LSB-Vizepräsident Leistungssport
Welche Bedeutung hätte eine Austragung Olympischer und Paralympischer Wettbewerbe in Leipzig und Markkleeberg für den Leistungssport in Sachsen?
Klaus Mau: Olympische und Paralympische Spiele sind das größte Sportereignis der Welt. Sie begeistern nicht nur Sportlerinnen und Sportler, sondern die gesamte Bevölkerung – es ist die Veranstaltung, die am meisten verbindet. Eine Austragung in Leipzig und Markkleeberg würde enorme Aufmerksamkeit erzeugen und wichtige Impulse für den Leistungssport setzen. Gleichzeitig wäre es die Chance, Sportstätten und Strukturen weiterzuentwickeln und auf ein noch höheres Niveau zu bringen. Denn wenn wir so etwas machen, dann wollen wir es auch richtig machen.
Welche Chancen würden sich dadurch für Nachwuchsathletinnen und -athleten ergeben?
Klaus Mau: Ich mache mir oft Gedanken, welche Motivation ein junger Mensch heute braucht, um diese Strapazen auf sich zu nehmen. Olympische Spiele im eigenen Wohnort sind da ein unheimlicher Antrieb. Zu wissen: Meine Familie ist da, meine Freunde, meine Schulkameraden – alle sehen meinen Wettkampf. Diese emotionale Nähe ist nicht zu unterschätzen. Sie kann genau der entscheidende Punkt sein, sich durchzubeißen und Topleistungen zu bringen.
Welche zusätzlichen Impulse könnte eine Olympiabewerbung für die Leistungssportstrukturen in Sachsen bringen?
Klaus Mau: Sachsen ist im Leistungssport schon sehr breit aufgestellt, gerade im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern. Wir haben uns immer dagegen entschieden, diese Breite einzuschränken. Mit Blick auf eine Olympiabewerbung sollten wir aber noch genauer hinschauen: Wo können wir gezielter fördern? Ein zentraler Punkt ist, qualifizierte Trainerinnen und Trainer langfristig zu halten. Gleichzeitig müssen wir bei der Talentförderung noch früher ansetzen.
Wie können Olympische und Paralympische Spiele helfen, Talente langfristig im Leistungssport zu halten?
Klaus Mau: Der Erfolg einer Sportlerin oder eines Sportlers ist niemals die Leistung eines Einzelnen. Dahinter steht immer ein ganzes System: Eltern, Vereine, ehrenamtliche Helfer und hauptamtliche Trainer. Diese Strukturen müssen wir sichern und stärken und dabei aufpassen, dass wir keinen verlieren. Besonders kritisch ist der Übergang vom Nachwuchs- in den Erwachsenenleistungssport. Diejenigen, die vielleicht in 14 oder 18 Jahren zu Olympia fahren, beginnen jetzt gerade erst. Unser Anspruch muss sein, sie auf dem Weg bis ganz nach oben zu begleiten.
Welche Erwartungen haben Sie dabei an Politik und Gesellschaft?
Klaus Mau: Leistung muss wieder stärker wertgeschätzt werden. Sport lebt von Motivation, Anerkennung und klaren Perspektiven. Gleichzeitig brauchen wir eine verlässliche Finanzierung. Die Kosten sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während die Mittel nicht im gleichen Maß gewachsen sind. Wenn wir wollen, dass Sport gesellschaftlich eine wichtige Rolle spielt, dann muss sich das auch in den finanziellen Rahmenbedingungen widerspiegeln.
Was würde es für Sie persönlich bedeuten, Olympische und Paralympische Spiele in Sachsen zu erleben?
Klaus Mau: Für mich wäre das ein ganz besonderer Höhepunkt eines lebenslangen Engagements im Sport. Ich habe selbst als Kind angefangen und bin dem Sport bis heute eng verbunden. Olympische Spiele haben eine einzigartige Atmosphäre. Wenn es gelingt, Spiele zu organisieren, die offen, nahbar und gemeinsam mit der Bevölkerung gestaltet werden, dann wäre das eine große Chance, Sachsen als sportbegeisterte und gastfreundliche Region zu präsentieren. Das wäre ein Erlebnis, auf das ich mich sehr freuen würde.
Jan Benzien - mehrmalige Kanu-Welt- und Europameister
Sie haben selbst Olympische Spiele erlebt. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis aus Sicht eines Athleten?
Jan Benzien: Die Olympischen Spiele sind für einen Athleten das größte Ereignis seiner sportlichen Karriere. Alle vier Jahre trainieren wir genau darauf hin. Aber was den Spirit wirklich ausmacht, ist der Zusammenhalt – das Treffen verschiedener Nationen und verschiedener Sportarten. Wenn zehntausend Athleten in einem Olympischen Dorf zusammenkommen, dann ist das Zusammenleben dort untereinander das eigentliche Highlight. Der sportliche Erfolg gehört natürlich dazu, aber dieses Miteinander ist das, was es für uns Athleten so besonders macht.
Welchen olympischen Wert verbinden Sie persönlich mit dem Sport?
Jan Benzien: Für mich stehen die Spiele für den Zusammenhalt der Völker. Wenn wir uns die heutige Welt anschauen, ist das wichtiger denn je. Da kommen Athleten aus Nationen zusammen, die vielleicht gerade im Konflikt stehen, konkurrieren auf dem Wasser oder auf der Bahn miteinander – und fallen sich danach trotzdem in die Arme und gratulieren sich. Dass man trotz Konkurrenz respektvoll und friedlich miteinander umgeht, das sind olympische Werte, die in der heutigen Zeit absolut entscheidend sind.
Wie wichtig ist die Unterstützung aus der Bevölkerung für eine erfolgreiche Bewerbung?
Jan Benzien: Wir müssen den Leuten, die vielleicht noch kritisch eingestellt sind, bewusst machen, welchen Mehrwert die Spiele für eine Region haben. Es geht um die Entwicklung der Infrastruktur und einen nachhaltigen Nutzen für alle. Wir brauchen eine Bevölkerung, die diesen olympischen Spirit spürt und eine positive Grundstimmung entwickelt, anstatt dieses negative Denken, das wir teilweise noch haben.
Welche Chancen würden Olympische und Paralympische Spiele für die Region mit sich bringen?
Jan Benzien: Ich denke, gerade nach der Wiedervereinigung könnten die Olympischen Spiele und Paralympics in unserer Region helfen, diese Einheit endlich einmal wirklich zu leben und endgültig ein Volk zu werden. Ich bin 1999 als „Wessi“ nach Leipzig gekommen und konnte hier die gute Sportinfrastruktur nutzen, aber ich stelle leider immer noch fest, dass teilweise ein Denken in „Ost“ und „West“ existiert. Ich wünsche mir, dass die Spiele Deutschland hier noch mehr vereinen.
Der Verein GOLD for Leipzig ruft aktuell dazu auf, die Berliner Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele mit Leipzig und Markkleeberg als Austragungsorten mit einer Unterschrift zu unterstützen. Unter dem Motto „Deine Stimme für Olympia“ sollen als deutliches Zeichen an Politik und Öffentlichkeit bis zum 26. September online 10.000 Unterschriften gesammelt werden – dann entscheidet sich, welche Region für Deutschland ins internationale Rennen geht. Wie ist der aktuelle Stand der Aktion?
Ehrlich gesagt verstehe ich gar nicht, warum wir die 10.000 Stimmen nicht längst zusammen haben. Wir haben hier so viele sportverrückte Menschen und eine riesige Anzahl an Mitgliedern im Landessportbund Sachsen. Da müssen wir uns doch alle einfach mal kurz bekennen: „Ja, ich möchte Olympische Spiele, ich möchte die Sportinfrastruktur nachhaltig unterstützen.“ Wir müssen für den Sport in unserer Region einstehen, weil er unsere Kinder prägt – durch all die Werte, die der olympische Sport vermittelt – und weil er uns auch gesundheitlich langfristig fördert.
Heiko Rosenthal - Leipzigs Sportbürgermeister
Welche Chancen würden Olympische und Paralympische Spiele für die Region mit sich bringen?
Heiko Rosenthal: Olympische und Paralympische Spiele wären für Leipzig und Sachsen eine große Chance, wichtige Entwicklungen zu beschleunigen. Dazu gehören Investitionen in Verkehr, Barrierefreiheit und Infrastruktur, die den Menschen vor Ort langfristig zugutekommen können. Gleichzeitig würden die Spiele die internationale Aufmerksamkeit auf unsere Region lenken und Leipzig sowie Markkleeberg, als auch Sachsen als attraktiven Standort für Tourismus, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur präsentieren. Entscheidend ist dabei, dass die Maßnahmen nachhaltig wirken und über die Veranstaltung hinaus einen konkreten Nutzen schaffen.
Wie können Vereine und der Breitensport von einer möglichen Austragung profitieren?
Heiko Rosenthal: Positive Effekte für Vereine und den Breitensport entstehen nicht automatisch. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Spiele mit konkreten Maßnahmen für den Sport vor Ort zu verbinden. nDazu gehören die Modernisierung von Sportanlagen, die Unterstützung des Ehrenamts und Angebote, die mehr Kinder und Jugendliche für Bewegung und Vereinssport begeistern. Unser Ziel muss sein, die Vereine langfristig zu stärken.
Wie wichtig ist die Beteiligung der Bevölkerung im Bewerbungsprozess?
Heiko Rosenthal: Die Beteiligung der Bevölkerung ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Olympische und Paralympische Spiele können nur dann erfolgreich sein, wenn sie von den Menschen vor Ort mitgetragen werden. Deshalb braucht es einen offenen Dialog über Chancen und Herausforderungen und die Möglichkeit für die Bürger, eigene Ideen und Gedanken mit einzubringen. Anders als in einigen anderen Bewerberregionen ist kein Bürgerentscheid vorgesehen. Umso wichtiger ist es, die Stimmung in der Bevölkerung sichtbar zu machen. Dazu trägt auch die Initiative „Gold for Leipzig“ bei. Am Ende wird eine Bewerbung nur dann überzeugen, wenn die Menschen einen konkreten Mehrwert für Leipzig und Markkleeberg, Sachsen und die gesamte Region erkennen.
Die offizielle Abgabe aller geforderten Bewerbungsunterlagen erfolgte bereits Anfang Juni. Warum ist es trotzdem wichtig, auch jetzt noch für die Bewerbung zu werben?
Heiko Rosenthal: Mit der Abgabe der Unterlagen ist ein wichtiger Meilenstein erreicht. Die Entscheidung des DOSB, welche deutsche Region in das internationale Auswahlverfahren geht, fällt jedoch erst im September. Bis dahin haben die Bewerberregionen weiterhin die Möglichkeit, ihre Konzepte zu präsentieren und die Unterstützung vor Ort sichtbar zu machen. Denn neben den fachlichen Unterlagen spielt auch eine Rolle, wie die Bewerbung in der Bevölkerung, bei Vereinen und in der Region insgesamt wahrgenommen wird. Deshalb ist es wichtig, den Dialog fortzusetzen und zu zeigen, dass die Idee Olympischer und Paralympischer Spiele auf breite Unterstützung stößt.
Viele Bürgerinnen und Bürger achten besonders auf Nachhaltigkeit – eine zentrale Voraussetzung im Bewerbungsprozess. Ist die Bewerbung diesen Anforderungen aus Ihrer Sicht gerecht geworden?
Heiko Rosenthal: Ja, davon bin ich überzeugt. Die Bewerbung setzt nicht auf neue Prestigeprojekte, sondern vor allem auf die Nutzung vorhandener Strukturen. Das entspricht einem Ansatz, der sich deutlich von vielen Olympiabewerbungen der Vergangenheit unterscheidet. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, realistisch zu planen und Bestehendes sinnvoll weiterzuentwickeln. Genau diesem Gedanken folgt das Konzept BERLIN+ mit der Einbindung vorhandener Sportstätten und mehrerer Austragungsorte. Aus meiner Sicht schafft die Bewerbung damit eine gute Grundlage für Spiele, die verantwortungsvoll geplant und umgesetzt werden können.



