Die wichtigste Frage nach dem schnellstmöglichen Zeitpunkt der Rückkehr zuerst in das Training und dann auch in den Spiel- und Wettkampfbetrieb kommt schon bald im Heilungsverlauf auf die Tagesordnung. Verschiedene Interessen – vom Sportler selbst, vom Verein bis hin zum Trainer – treffen aufeinander und sind nicht immer einfach in Übereinstimmung zu bringen. Da ist die fundierte Entscheidung des betreuenden Sportarztes in enger Zusammenarbeit mit dem medizinischen Behandlungsteam gefragt. Verschiedenste Faktoren wie biologische Heilvorgänge beim Verletzten, Vorerkrankungen, die Art der Verletzung, Möglichkeiten der sportmedizinischen Behandlung, persönliche Ziele und Motivation des Verletzten und der Wettkampfkalender sind bei der wichtigen Entscheidungsfindung der Sportfähigkeit nach Verletzungen von Bedeutung. Bisher standen medizinische Kriterien (Untersuchungsbefunde bis hin zum Kontroll-MRT) und insbesondere der Erfahrungsstand der Entscheider im Mittelpunkt. Wie lange braucht ein Kreuzbandriss mit operativer Versorgung bis zur vollen Wettkampffähigkeit? Die Aussagen lagen zwischen vier bis neun Monaten deutlich auseinander.

Dabei spielten neben dem Reha-Verlauf sowohl die Sportart mit ihren spezifischen Belastungen als auch das Geschlecht des Sportlers eine Rolle. Im Profi- und auch im Vereinssport gab es dazu immer wieder schwierige Diskussionen und außerdem rücken die Kosten einer Verletzung zunehmend in den Vordergrund. Gibt es Alternativen? Da insbesondere auch das Problem einer erneuten oder einer Folgeverletzung im Fokus steht, müssen Funktion, Belastbarkeit der verletzten Struktur bei der sportartspezifischen Belastung sicherer und differenzierter beurteilt werden, als es mit klassischen medizinischen Untersuchungsverfahren incl. Röntgen oder MRT möglich ist.

Aus diesem Grunde wurde das RTC- (Return to Competition = Wettkampffähigkeit) Konzept deutschlandweit für den Profisport entwickelt. Gerade für die in den Spielsportarten sehr häufig auftretende Verletzung des Kreuzbandrisses konnte in verschiedenen Zentren ein standardisiertes Vorgehen entwickelt und Erfahrungen gesammelt werden. Der Abgleich der Einschätzung der Wettkampffähigkeit nach üblichem Vorgehen und die Beurteilung beim RTC-Test zeigten dabei teilweise überraschende Abweichungen.

Das RTC-Konzept ist nicht nur ein Test (teilweise über mehrere Stunden incl. Vorbelastung), der sportliche Grundfähigkeiten, Belastungen und die psychomentale Situation bewertet, sondern ein Nachbehandlungskonzept, welches über die klassische Rehabilitation hinausgeht. Schwerpunkt ist dabei die differenzierte Beurteilung des Rehabilitationsverlaufs mit Empfehlungen für den Übergang ins Training (z. B. an den Athletiktrainer) und zurück zum Wettkampf. Auch hier gilt, die beste sportmedizinische Betreuung gelingt im Team. Dabei sind sowohl eine enge Abstimmung mit dem Verletzten und im medizinischen Team als auch die Kommunikation mit Trainer und Verein wichtig. Meines Erachtens ist das Konzept natürlich im Profisport oder in den Olympiastützpunkten einfacher als im Vereins- und Freizeitsport umsetzbar. Der Grundgedanke und Basisprinzipien sind aber auch dort zu realisieren und mindestens die RTC-Testungen stehen in dafür qualifizierten sportmedizinischen Einrichtungen jedem ambitionierten Sportler zur Verfügung. Im Ausblick werden derzeit in Deutschland, wie schon beim Kreuzband in enger Zusammenarbeit mit der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft weitere RTC-Konzepte für die häufigen Verletzungen des oberen Sprunggelenks (z. B. Bänderrisse) und der Schulter entwickelt und erprobt.

Dr. med. René Toussaint, Sächsischer Sportärztebund